Georgien
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Georgien 1. Teil

 

Die Georgier nennen ihre Stadt "Bilisi". Eine 1,2 Mio. Einwohnerstadt der Moderne und des Verfalls. Selten habe
ich eine Stadt erlebt, in der beides so nah beieinander liegt.

    

Nach einem schweren Erdbeben 2002 wurden viele der ohnehin schon sehr maroden Häuser (teilweise Jugendstil)
in Georgiens Hauptstadt Tiflis schwer erwischt. Ein Durchschnittseinkommen von ca. 350,- € monatlich reicht nicht
mal richtig zum Leben, geschweige denn dazu, um die Häuser zu renovieren. Die Mieten liegen im Schnitt in der
Stadt bei 300 bis 400,- €.

    

Für viele ist das ein sehr harter Alltag. Jobs gibt es meistens nur über Beziehungen. Überall spürt man noch die vie-
len Jahre sowjetrepublikanischen Einflusses und es wird wohl noch Jahre dauern, bis dieser überwunden ist.
Aber die Stadt hat Potential, die Menschen sind freundlich und es herrscht reges Treiben auf den Straßen.

    

Autofahren wird hier zum Abenteuer, der Stärkere mit der lautesten Hupe gewinnt. Verkehrssregeln kann man ge-
trost vergessen. Zweireihige Fahrspuren werden locker sechsspurig genutzt. Motorräder habe ich in einer Woche
nur zwei gesehen. Das dürfte dort auch ein "Himmelfahrtskommando" sein.

    

Die meisten Menschen hier wollen von der sowjetischen Zeit nichts mehr wissen, sondern fühlen sich europäisch,
auch wenn Georgien geographisch zu Asien gehört.

Eine beeindruckende Stadt in einem schönen Land. Wir hatten das Glück an einem Abend an einer georgischen
Familienfeier dabei sein zu können.

    

Es ist Sitte, dass nur dann getrunken wird, wenn der Gastgeber einen Trinkspruch gehalten hat. Danach geht es
reihum. Das Glas wird "bis zum Ende" geleert und sofort wieder gefüllt. Vodka und Wein versteht sich.
Getrunken wird sehr viel und als "Neuling" weiß man nicht so recht, wie man den Abend überstehen soll...

   

Vor Jahren haben wir daheim in unserer Familie für eine junge georgische Frau eine Bürgschaft übernommen, da-
mit sie hier für ein paar Jahre studieren konnte. Da Georgien kein EU-Land ist, wird so etwas benötigt, damit keine
deutschen Sozialleistungen 'abgegriffen' werden.
Die Bürgschaft diente für den Fall der Fälle. Falls etwas passiert wäre (Krankheit usw.) hätte sie z.B. nach Hause
fliegen können. Daraus entstand eine Freundschaft und die junge Frau hat in Deutschland angefangen Germanistik
zu studieren. Nebenbei hat sie sehr fleißig deutsch gelernt und sich ihren Lebensunterhalt in den Semesterferien
mit Jobs am Fließband verdient.

    

Inzwischen lebt sie wieder in Georgien, hat inzwischen in Tiflis geheiratet und eine kleine Tochter bekommen. So
kam es, dass wir eine Einladung erhielten und über Ostern nach Tiflis geflogen sind.Unser Hotel lag sehr zentral in
der Nähe der Innenstadt, so dass wir bequem mit öffentlichen Verkehrsmitteln die Stadt erkunden konnten.
Das Preisgefüge für den täglichen Lebensunterhalt ist für unsere deutschen Verhältnisse außerordentich günstig,
was ja auch kein Wunder ist bei den Monatsverdiensten.

    
Der erste Eindruck von Tiflis ist kaum zu beschreiben. Eigentlich bewegt man sich ständig zwischen Entsetzen und
Staunen. Viele Menschen hier behaupten, dass Tiflis das Paris des Ostens sei. Auf jeden Fall gibt es dazu aus
meiner Sicht noch viel zu tun. Was auffällt sind die besonders gepflegten und herausgeputzten jungen Frauen. Sehr
europäisch und modebewusst gekleidet.

    
Viele Männer dort haben dagegen durchaus etwas Nachholbedarf. Zumeist dunkel gekleidet stehen sie oft in Grup-
pen an jeder Straßenecke, auf den Plätzen, unterhalten sich und warten anscheinend auf irgendetwas.
Auf was genau, hatte ich nicht so recht herausgefunden. Die Gesichtsausdrücke sind jedoch sehr selbstbewusst,
und es gibt keinen Zweifel daran, wer in den Familien das Sagen hat.

    

In Tiflis verläuft tief unter der Erde eine uralte U-Bahnlinie quer durch die Stadt. Die Bahn stammt noch aus Sowjet-
zeiten, und die Geräuschkulisse während der Fahrt war beeindruckend. 95 Dezibel habe ich gemessen!
Man kann sich quasi nicht unterhalten. Die U-Bahnschächte verschwinden in endlosen Tiefen. 2 Minuten steht man
auf der Rolltreppe, um dann in einem riesigen Schlund "verschluckt" zu werden. Auf der gegenüberliegenden Seite
spuckt dieser Schlund, wie ein riesiger Moloch, im Sekundentakt hunderte von Menschen aus, die im selben Mo-
ment aus der Tiefe nach oben befördert werden. Beeindruckend!

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