Tschechien
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Gespanntour nach Tschechien 2. Etappe


     

Meine innere Uhr beendete auch am nächsten Morgen zuverlässig die nächtliche Ruhe. Zwar war es an diesem Tag eine halbe Stunde spä-
ter als gewohnt, trotzdem war es erst 6 Uhr in der früh und ich schlich leise, um Thomas nicht zu wecken, ins Bad unter die Dusche.
Der Blick aus dem Hotelfenster zeigte, dass es nachts zwar feucht gewesen, der angekündigte Regen allerdings (noch) ausgeblieben war.
Die dichte Wolkendecke verriet jedoch jetzt schon, dass unsere Reisegruppe heute wohl noch die Regenkombis auspacken darf.
Als ich aus
der Dusche kam, war auch Thomas  erwacht und versorgte, wie jeden Morgen auf unseren Reisen, erstmal seinen gesamten Fa-
milien- und 
Freundeskreis mit Whatsappnachrichten. Und das morgens um 6:30 Uhr...

Da es noch sehr früh war, legte ich mich wieder auf mein Bett, kramte mein Tablet hervor um noch ein wenig Zeitung zu lesen, als Thomas 
plötzlich mit einem Satz und den Worten: „Komm Micha, lass uns mal die Kompression prüfen.“ aus dem Bett sprang. Kompression? Welche
K
ompression? Er konnte doch unmöglich sein Gespann meinen, hatte ich doch tags zuvor schon Mühe überhaupt hinterher zu kommen.

Aber wer Thomas kennt weiß, dass seine Ideen keinerlei Aufschub dulden und so legte ich mein Tablet wieder zur Seite, ohne auch nur
eine Zeile gelesen zu haben. Widerstand wäre ohnehin zwecklos gewesen. Er hätte so lange genervt, bis ich endlich klein beigegeben
hätte. Die Messung 
an seinem Zylinder ergab satte 10,5 bar, was ich irgendwie auch nicht anders erwartet hatte.
Dafür vergaß ich dann beim anschliessenden Packen mein Tablet, das sich in der Zwischenzeit in den Tiefen des Bettes verkrümelt hatte.
Schön, dass Thomas wenigstens seinen Kompressionsdruck wusste... ;-)

      

Frühstück gab es um 8, Abreise sollte gegen halb 9 Uhr sein. Nachdem wir uns alle ausreichend am Frühstücksbuffet gestärkt hatten, wur-
den die Fahrzeuge bepackt.

Ich stand schon abmarschbereit an meiner ES, als Thomas auftauchte und mir meinen Tablet brachte. Zum Glück hatte er, was er sonst eigent-
lich selten tut, beim Verlassen des Hotelzimmers die Betten aufgeschüttelt und dabei das Gerät gefunden.
Die Motoren liefen gegen 8:45 Uhr und ein paar Hotelgäste ließen es sich nicht nehmen unsere Abfahrt live mitzuerleben. Wir hingegen hüll-
ten sie dafür sauber in blaue Dunstwolken und knatterten vom Hof, um unsere zweite Tagesetappe zu starten.

Der Weg sollte uns über Markneukirchen nach Bärnau führen, wo Günter uns eine Führung durch seine Motorradsammlung angeboten hat-
te. Später dann weiter nach Pilsen zum Etappenziel des Tages.
Günter bemerkte als erster, dass wir uns im Erzgebirge gleich am Anfang um mindestens 30 Kilometer verfahren hatten. Das Navi wollte
nicht so wie Thomas wollte oder umgekehrt, jedenfalls tauchten manche Ortsnamen in der Gegend um Oberwiesenthal plötzlich doppelt
auf, was eindeutig darauf schließen ließ, dass wir da schon einmal waren. Ich muss bei dieser Gelegenheit für Thomas wirklich „eine Lanze
brechen“.
Auch im Verlauf des Tages, später auch bei einsetzendem Regen und beschlagener Klarsichtfolie der Navitasche an seinem Tank-
rucksack,
hat er stets den Überblick behalten und unsere Gespanngruppe zuverlässig angeführt. Eine Herausforderung, die kaum einer von
uns gerne angenommen hätte. Das kann Thomas wirklich gut.

     

Die Fahrt durch das Erzgebirge war trotz der bedeckten und kühlen Wetterlage wunderschön. Eine tolle Gegend mit kleinen und kurvigen
Straßen, sanften Anstiegen und langgestreckten Abfahrten, ideal zum Motorradfahren. Sobald wir Ortschaften mit Menschen an den Stra-
ßen durchfuhren, war unsere kleine Reisegruppe mit den 7 Gespannen schnell Mittelpunkt des Geschehens, was uns natürlich auch ein
klein wenig stolz machte. Viele winkten uns lachend zu und erfreuten sich offensichtlich an den Fahrzeugen längst vergangener Tage.

Das Erzgebirge hat seinen Reiz. Eine Mittelgebirgskulturlandschaft mit langer handwerklicher Tradition auf der Kammlinie zur nördlichen
Grenze nach Tschechien. Wer dabei nur an die kunstvollen Weihnachtsschmuckschnitzereien denkt vergisst, dass in dieser Region auch
der Bergbau die Ortschaften prägte und die schöne Landschaft bei Wanderern und Wintersportlern mindestens ebenso beliebt ist. Die
Ortsnamen sind teilweise ungewohnt, manchmal auch lustig. So hielten wir in einem Ort mit Namen „Ehrenzipfel“.

Gegen Mittag erreichten wir Markneukirchen im Vogtland. Das Vogtland schliesst sich westlich am Erzgebirge an und liegt im Grenzgebiet
zwischen Sachsen, Thüringen, Bayern und Tschechien. Der Ort Markneukirchen ist bekannt als Zentrum des Musikinstrumentenbaus mit
inzwischen sehr langer Tradition. Besonders sehenswert ist hier das Musikinstrumentenmuseum mit über 3.100 Exponaten aus aller Welt.
Schwerpunkt sind jedoch die heimischen Instrumente. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stammten fast 50 % aller weltweit hergestellten Mu-
sikinstrumente aus Markneukirchen und den umliegenden Ortschaften.

Der Regen setzte genauso ein, wie er prognostiziert war. Kurz nachdem wir Markneukirchen verlassen hatten, fing es an zu tröpfeln und
wir stoppten an einem kleinen Waldparkplatz um unsere Regensachen anzuziehen. Natürlich hatten wir die Hoffnung, dass sich das Wetter
einigermaßen halten wird. Aber weit gefehlt. Es wurde von Kilometer zu Kilometer schlimmer.

      

Die Gischt überholender PKWs spritzte nur so an unsere Visiere und Kombis und das Ziel „Bärnau“, Günters Motorradlager, lag noch in sehr
weiter Ferne. Zum Glück habe ich meinen verlorenen Gummihandschuh wiedergefunden, den ich schon sehr lange vermisst und weswegen
ich vor der Abreise meinen halben Keller auf den Kopf gestellt hatte. Natürlich lag der längst nicht mehr bei mir...
Da hätte ich auch lange suchen können. Wie konnte es anders sein, erst als Thomas mit ratlosem Blick bei unserem Boxenstopp versuchte
zwei linke Handschuhe anzuziehen, kam die Erleuchtung. Er muß irgendwann mal bei einer anderen Tour meinen Handschuh aus Versehen
eingesteckt haben.

Aufmerksam im Straßenverkehr aber doch jeder irgendwie in seinen eigenen Gedanken versunken, fuhr unsere kleine Gespanngruppe Kilo-
meter um Kilometer. Was sollte man bei dem nassen Wetter auch anderes machen. Tags zuvor noch Sonne und jetzt das.
Als wir kurz nach Übertritt der Grenze zu Tschechien Cheb erreichten, hatte sich der Regen einigermaßen verzogen. Uns war nach Pause
zumute und wir hatten Hunger. Also steuerte unser Tourguide einen großen tschechischen Markt an. Wir natürlich immer brav hinterher. Es
wurde voller und voller, enger und enger und inmitten der vielen Marktstände und Buden quetschten wir zwischen den staunenden Men-
schenmassen unsere Gespanne hindurch. Ich hoffte nur, dass wir denselben Weg nicht auch wieder zurück mussten.

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben. Lachend über diese eben erlebte skurile Situation hielten wir an einem, wie sich spä-
ter zeigte, weniger schönen vietnamesischen Lokal, das sich als Massenabfertigung für all die Gäste entpuppte, die aus allen erdenklichen
Gegenden diesen kuriosen Markt ansteuerten. Darunter auch sehr viel Deutsche.
Mit Bergen vollgestopfter Plastiktüten kehrten diese dann wieder mit glänzenden Augen zu ihren Fahrzeugen zurück, als sei Weihnachten
und Ostern auf einen Tag gefallen. Leider war das Personal des Lokals wegen des riesigen Andrangs hoffnungslos überfordert und wir muss-
ten sehr lange auf unser Essen warten. Dennoch hat es gut geschmeckt und wir setzten nach eineinhalb Stunden Pause unsere Reise fort.

     

Der Wettergott hatte leider kein Erbarmen mit uns und öffnete schon bald wieder seine Pforten. Das sollte sich auch den ganzen Nachmittag
nicht mehr ändern. Als wir am frühen Nachmittag erneut die Grenze, diesmal wieder nach Deutschland, überschritten und in Bärnau eintrafen,
floss beim Absteigen das Wasser in Strömen von unseren Regenklamotten und Günter führte uns erstmal durch seine (trockenen) geheimen
Hallen. Im Halbdunkel des Lagers standen jede Menge kleine Schätze, die auf eine Wiederbelebung warten. Eine Sammlung von 70, 80 oder
auch 100 Motorrädern? Ich habe sie nicht gezählt; aber zu jedem wußte Günter eine kleine Geschichte zu erzählen.

Der Regen hatte sich nur kurzzeitig beruhigt als wir nach Günter´s interessanter Führung zu unserem letzten Streckenabschnitt und erneutem
Grenzübertritt in Richtung Pilsen aufbrachen. Mit Vollgas rauschten wir die letzten 80 km unserem Etappenziel entgegen. Thomas immer vor-
neweg mit eingefrorener Gashand , wir hinterher.
Der Regen klatschte uns nur so mit seinen Wassermassen entgegen. Die Visiere nass und beschlagen, die Stiefel durchweicht, hatte jeder
von uns nur die Hoffnung, dass unsere betagten Gespanne jetzt bloss nicht schlapp machen...
Die Überholmanöver vorbeiziehender PKWs gestalteten sich teilweise zu riskanten Abenteuern in einer Enge, die nur wenige Zentimeter
Platz zu unseren Außenspiegeln ließ. Die Zeit verstrich nur langsam, die Kälte kroch in unsere Glieder und wir fuhren zielstrebig, immer weiter
mit voller Kraft voraus der tschechischen Großstadt entgegen.
Ich möchte nicht wirklich wissen, wie schwer unsere Gespanne in dem riesigen Gischtnebel für andere Verkehrsteilnehmer wohl zu sehen wa-
ren, zumal es auch langsam dämmerig wurde.

Endlich erreichten wir Pilsen und bezogen Quatier, mitten in der Innenstadt in einem schönen Hotel. Der zugehörige, verschlossene Parkplatz
nahm unsere Gespanne auf und im Zimmer angekommen zauberte Thomas grinsend zwei Dosen Pilsener Urquell aus dem Gepäck. Wo er
die her hatte? .... ich weiß es nicht; aber was ich weiß war, dass mir das goldfarbene Getränk genüsslich durch die Kehle ging. War das ein Tag.
Mit Freunden in einer schönen Gruppe, viel erlebt und am Ende noch gemeinsam so richtig nass geworden.
Nun wartete erstmal eine heiße Dusche auf uns und nach einer kleinen Verschnaufpause stürzten wir uns schliesslich ins Nachtleben der Stadt.

Von einer früheren Reise kannte ich ein kleines nettes Restaurant, ganz in der Nähe des zentralen Marktplatzes. Rustikal eingerichtet mit offen-
em Kaminfeuer, gerade richtig für uns. Wir bekamen einen schönen Tisch und bestellten erst einmal für jeden ein Gambrinus. Feinstes leckeres
Bier! Die typisch tschechische Küche ist deftig und sehr lecker, wenngleich ich das Essen in dem Lokal noch besser in Erinnerung hatte.
Trotzdem hat es uns allen geschmeckt und die Lebensgeister nach diesem anstrengenden Tag waren wieder zurück. Dem ersten Gambrinus
folgte ein Zweites, dann ein Drittes.
Als Nachspeise probierten wir von dem Apfelstrudel mit Sahne, bevor wir uns zu einem Absacker in eine andere schöne Kneipe begaben.

Zurück im Hotel, fielen wir dann letztendlich gesättigt und müde in unsere Betten und ich glaube, dass jeder von uns nicht lange gebraucht hat,
bis er in einen tiefen Schlaf gefallen ist.


Fazit des Tages: Keine Defekte an den Fahrzeugen

 

                                                                                                                                                               hier geht's zur 3. Etappe
 

 

   

 
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