Georgien
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Georgien 2. Teil

 

Wenn die Georgier feiern, dann aber richtig! Trinkfest sollte man sein. Die Frauen trinken nicht ganz so viel.
Pro Mann wird für einen Abend 2 Ltr. Wein kalkuliert. Nach 20 Minuten hatte ich bereits drei Gläser getrunken. Der
Gastgeber eröffnet den Abend, steht dabei auf, hebt sein Glas und alle anderen Männer erheben sich ebenfalls.

   

Dann stehen auch die Frauen auf. Die Trinksprüche gehen immer um die Familie, die Liebe, die Kinder, die Eltern,
den Frieden und natürlich die Freundschaft. Angestoßen wird laut und kräftig und dann das Glas in einem Zug ge-
leert. Bevor man sich setzt, bestimmt der Gastgeber die Reihenfolge der Trinksprüche. Natürlich nur die Männer.

    

Kaum hat man sich wieder hingesetzt, wird nachgeschenkt bis das Glas wieder voll ist. Nicht etwa aus Flaschen,
nein aus Glaskaraffen. So geht es den ganzen Abend. Auch mit dem Essen. Der Tisch ist immer voll. Die Teller mit
den vielen verschiedenen Speisen werden ständig nachgereicht, neues Essen aufgetragen, die Speisen teilweise
übereinander gestapelt.

   

Und du wirst natürlich freundlich, aber bestimmt gebeten, doch von allem zu probieren. Den ganzen Abend sorgen
Kellnerinnen dafür, dass du immer frische Bestecke und neue saubere Platzteller vor dir stehen hast.

    

Zu später Stunde wurde es dann sehr traditionell. Wir konnten georgische Tänze bewundern, die genauso wie der
georgische mehrstimmige Gesang, ins Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen wurde.
Zwischen den Darbietungen haben dann alle Gäste getanzt. Das ging in etwa so: Trinken - Essen - Trinken -
Tanzen - noch mehr Essen - noch viel mehr Tanzen - noch viel mehr Trinken - noch viel viel viel mehr essen -
tanzen - und wieder trinken...

   
Den ganzen Abend bis tief in die Nacht.
Die Georgier konzentrieren sich beim Essen eher auf das Fleisch in allen Variationen. Unmengen verschwinden da
in den Bäuchen und so sehen bereits junge Männer oftmals sehr gut genährt aus. Gemüse und Salate werden eher
von den Frauen gegessen. Und natürlich auch immer Brot dazu. Eine andere Welt dieses Georgien, aber warmher-
zig und sehr gastfreundlich.

   

Es war eine tolle Stimmung mit ausgelassener Fröhlichkeit den ganzen Abend. Unsere georgische Freundin hat
gedolmetscht und so konnten wir uns alle gut unterhalten. Da Georgien ein Land mit einer langen Tradition im
Weinbau ist, schmecken im Allgemeinen die Weine sehr gut.
Ich habe von den Weißweinen probiert, die mir mehr liegen. Auf der Feier gab es einen kupferfarbenen Wein, von
der Mutter unserer Freundin selbst hergestellt. Ein Wein, der kräftig, fruchtig und sehr gut zu trinken war. Trotz der
großen Mengen an dem Abend, hatte ich am nächsten Tag keine Kopfschmerzen.

    

Auch wenn die Georgier zu feiern wissen, das wirkliche Leben hier ist für einen Großteil sehr mühsam und das Ein-
kommen reicht oft nicht um das tägliche Leben zu bestreiten. Die Schere zwischen denen, die gar nichts haben,
und der Mittelschicht ist gefühlt riesengroß. Von den Oligarchen, die nach dem Zerfall der Sowjetunion Millarden
angehäuft haben, mal ganz zu schweigen.

   
Die Wohnhäuser sind nicht nur abseits der großen Einkaufsstraßen oft in erbarmungswürdigem Zustand, und man
darf sich von den teilweise renovierten Fassaden keinesfalls täuschen lassen. Geht man in diese Häuser und
schaut sie sich von hinten an, überkommt einen manchmal fassungsloses Entsetzen über das, was man da sieht.
Es soll hier schon Zwangsräumungen gegeben haben, weil das Haus buchstäblich vor dem Zusammenbruch stand.

   

Dass die Frauen schon mit 16 Jahren heiraten, wandelt sich momentan gerade. Besonders in Tiflis. Spätestens mit
25 Jahren haben viele junge Frauen jedoch das Gefühl, nicht mehr begehrt zu sein, weil "die besten Männer" dann
ihrer Meinung nach bereits vergeben sind. Und es ist dann auch wirklich viel schwerer noch einen Mann abzube-
kommen. "Wer will schon ein spätes Mädchen haben"...?

    

Freundschaften zwischen Mann und Frau sind nicht angesagt, weil es die, ohne dass Hintergedanken unterstellt
werden, nicht geben kann. Sehr weit verbreitet ist folgender Familienalltag: Haushalt, Kochen, Wäsche, Kinderer-
ziehung, Vieh versorgen (soweit vorhanden), sich um die Eltern kümmern, Gartenarbeit ist allein Frauensache.
Dazu kommt selbstverständlich noch, dass die Frauen arbeiten gehen, soweit es überhaupt Arbeit gibt.

    

Man könnte sich fragen, was machen die Männer? Gute Frage. Der Mann ist für die Frau wichtig, um zu zeigen, dass
sie einen abbekommen hat. Mit ihm kann sie sich und die Familie nach außen repräsentieren. (Das würde auch er-
klären, warum hier an jeder Straßenecke so viele Männer den ganzen Tag einfach nur 'rumsitzen, 'rumstehen und
den Tag genießen).
Wer es sich leisten kann, fährt bei all den finanziellen Sorgen trotzdem ein Auto. Bevorzugt Mercedes, dann BMW
in allen erdenklichen Zustandsklassen. TÜV gibt es wohl nicht wirklich und jeder Mann, der selbst keine Arbeit hat,
fährt mit seinem Auto einfach Taxi. Davon wimmelt es hier und Taxifahren ist außerordentlich günstig. Man kauft
sich einfach ein beleuchtetes Taxischild für 5 Lari (= 2 Euro), montiert es auf's Dach und fährt los. Preis ist Verhand-
lungssache, Lizensen gibt es nicht. (Benzin kostet etwa 60 Cent)
   

   

Überall in Tiflis sieht man in den Servicebereichen und in den Geschäften sehr viele Frauen arbeiten. Von 4.5 Mio.
Einwohnern in Georgien leben 1,2 Mio. in Tiflis. Jeden zieht es vom Land hierher. Egal wie er wohnt. Hauptsache
Tiflis. Und wer die Dörfer auf dem Land gesehen hat, versteht auch warum.

Das Bildungssystem ist leider sehr unterentwickelt. Unsere Freundin sagte uns, dass es egal ist was du kannst.
Hauptsache irgendwo Arbeit finden. Angelernt wirst Du dann in dem Betrieb. Und so gibt es faktisch überhaupt kei-
ne Berufsausbildung. Auch ist es nicht möglich Praktikas in Betrieben zu absolvieren. Es ist einfach egal. Haupt-
sache man ist gesund und kann arbeiten. Der Rest stellt sich dann schon von alleine ein.

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