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Auf den Kaffeeplantagen

  

   

Am 2. Weihnachtstag ging es mit dem Langboot in den frühen Morgenstunden zurück nach San Carlos. Die Sonne
ging über dem Fluss auf und die Bootsfahrt auf dem Rio San Juan im Morgengrauen war irgendwie besonders.
Gemächlich zogen die wenigen und einfachen Hütten der Bewohner am Ufer vorbei und hier und da standen Men-
schen im Fluß und erledigten ihre Morgenwäsche.

   
Mir gingen die letzten Tage noch einmal durch den Kopf, Gustavo mit seiner Familie, die freundlichen, einfachen
Menschen auf der Lodge und ich hatte plötzlich den großen Wunsch, dahin noch einmal zurückkehren zu wollen.
Nirgendwo sonst, habe ich so viel Ruhe und Enspannung erlebt. Das Leben im Dschungel ist eine ganz andere
Welt. Zeit spielt keine Rolle mehr. Es gibt kein Fernsehen, keinen Strom, nur dort, wo ein Aggregat laufen kann.
Aber Treibstoff  ist auch für nicaraguanische Verhältnisse teuer und so richtet man sich anders in dieser Welt ein.
Zeit zum Lesen, Nachdenken und Erholen.

   

In San Carlos hatte uns der Trubel wieder. Mitten im Marktgeschehen war die Busstation angesiedelt und wir bahn-
ten uns mit unseren Rucksäcken unseren Weg dorthin. Der Bus war vollkommen überfüllt und sollte uns zunächst
in die Hauptstadt Managua, eine Millionenmetropole mit über 2 Mio. Einwohnern bringen. Es wurde die schlimmste
Busfahrt, die ich je erlebt habe. 7 Std. Stehen. Körper an Körper bei heißen Außentemperaturen, mit verschwitzten
Leibern, die sich verzweifelt aneinander quetschten, weil unterwegs immer noch wieder Fahrgäste nachgeschoben
wurden. Unvorstellbar! Mit nur einer Pause ruckelte der Bus auf teilweise desolaten Straßen Kilometer um Kilome-
ter vorwärts. Zum Glück hatten wir vorsichtshalber nur wenig getrunken. Als hätten wir eine Ahnung gehabt. Nicht
auszudenken, wenn man mal auf's Klo gemusst hätte.

    

Plötzlich gab es einen ohrenbetäubenden Knall und ich dachte, das war's jetzt mit dem Bus. Aber es war nur der
hintere linke Reifen geplatzt. Profil hatte der eh nicht mehr. Das Reserverad, wie ich später feststellte, allerdings
auch nicht. Zudem fehlten flächig ganze Bruchstücke auf der Lauffläche und man konnte direkt aufs Gewebe schau-
en. Also alle raus, und dann hat sich ein Nicaraguaner mit einem Fragment von Wagenheber auf seinen Schulter-
blättern liegend unter die Achse geschoben. Solch einen kleinen Hydraulikwagenheber hatte ich auch mal in mei-
nem Kleinwagen. Ich konnte gar nicht hinschauen. Als die das Rad abnahmen und das ganze Gewicht auf diesem
kleinen Wagenheber ruhte, hab' ich an den armen Kerl da unter der Achse liegend gedacht.

Hoffentlich ging das gut...

    
Aber es ging gut und der junge Mann schob sich nach beendeter Arbeit völlig unbeeindruckt wieder unter dem Bus
'raus. Ganz schön schmerzfrei die Jungs!
Meine Beine und Füße habe ich nicht mehr gespürt als wir abends in Managua eintrafen und zur weiteren Fahrt
gleich in einen anderen Bus umstiegen. Nochmal 3 Std. Fahrt, diesmal zum Glück im Sitzen und dann waren wir auf
1.100 m Höhe, mitten im besten Kaffeeanbaugebiet Nicaraguas angekommen.

   

Abgeholt wurden wir von einem Freund, der 40 Jahre in Deutschland gelebt hat und nun in seinem Ruhestand wie-
der in seine alte Heimatstadt Jinotega zurückgekehrt war. Die Sehnsucht war zu groß. Seine gesamte Familie ge-
hört zu den Privilegierten in der Region und besitzt seit Jahrzehnten, schon vor der Kulturrevolution, auf diesem
Hochplateau große Kaffeeplantagen.
Jetzt im Dezember bis Ende März ist Haupterntezeit. Was für eine Chance für uns alles zum Thema Kaffee zu er-
fahren. Und so war es auch.
Am nächsten Morgen ging es hinten auf der Ladefläche sitzend, 'raus zu den Kaffeefeldern. Die Landarbeiterfa-
milien haben in dieser Zeit Hochsaison und das nicaraguanische Schulsystem hat extra die Schulferien so einge-
richtet, dass die Kinder auf den Plantagen auch helfen können. Es würde sonst sowieso kein Kind zur Schule
gehen, weil die Familien das Geld dringend brauchen, um über das Jahr zu kommen.

    

Die Kaffeeernte ist sehr hart. Immer wieder gibt es starke Regengüsse und zwischen den nassen, mannshohen
Kaffeepflanzen wird man den ganzen Tag nicht wieder richtig trocken.
An mir lief ein 10-jähriger Junge mit schweren Schritten vorbei, der auf dem Kopf einen großen Sack mit Kaffeeboh-
nen schleppte. Ich habe mich nach dem Gewicht des Sackes erkundigt und bekam von dem Plantagenbesitzer zur
Antwort: „Auf die Kleinen wird Rücksicht genommen. Damit es nicht so schwer ist, wiegt der Sack nur 30 kg.“
Was für eine Welt. Sonst wiegt jeder Sack nämlich 60 kg, der von kräftigen Männern nach dem Befüllen und Erfas-
sen per Strichliste durch den Plantagenbesitzer, auf die Ladeflächen von Picups geworfen wird.

    

So ähnlich muss es auch schon in der Kolonialzeit gewesen sein. Als wäre die Zeit stehen geblieben. Der Planta-
genbesitzer sitzt abends, wenn die Pflücker von den Feldern kommen, wie ein Gutsherr mit Strohhut und Weste vor
seinen Landarbeitern in der Plantage. Auf den Knien ein Klemmbrett mit Strichliste und vor ihm füllen die Kaffee-
pflücker mit einem Eimer als Maßeinheit, die gepflückten Kaffeefrüchte in große Säcke. Begleitet wird die Prozedur
von dem lauten Zählen der umstehenden Arbeiter. Eimer für Eimer, Sack für Sack.

Der Arbeitstag beginnt morgens früh nach dem Sonnenaufgang und endet abends zum Sonnenuntergang. 7 Tage
die Woche. Ein hartes Brot. Das Trennen des Fruchtfleisches von der Bohne, das Trocknen der Kaffeebohnen in
der Sonne auf großen Sieben und das Aussortieren der schlechten Bohnen, alles erfolgt in Handarbeit. Personal
ist billig in Nicaragua und überall und jederzeit problemlos zu bekommen.
Ich musste immer wieder daran denken, wie das eigentlich gerecht funktionieren soll, wenn man bei uns in Deutsch-
land ein Pfund Kaffee für unter 5 Euro bekommt…

    

Wir haben uns in den folgenden Tagen noch zwei weitere Kaffeeplantagen angesehen und dabei eine Menge über
den Kaffeeanbau erfahren. So auch z.B., dass die großen Kaffeeröstereien es nicht zulassen, dass der Kaffee im
Erzeugerland geröstet wird. Es ließen sich dann nämlich für die Kaffeebauern viel bessere Preise erzielen, als für
den Rohkaffee. Aber diese Gewinnmarge möchten die Großröstereien lieber selber einstecken…

Eines morgens wurde eine Interviewanfrage an uns gerichtet. Es sprach sich herum, dass Leute aus Alemania in
dem eher wenig von Touristen besuchten Ort waren. Also wollte ein regionaler Fernsehsender die Gelegenheit
nutzen und mit uns über unsere Eindrücke von Nicaragua sprechen. Wir haben das Angebot natürlich gerne ange-
nommen und konnten uns dafür am darauf folgenden Abend beim Abendessen in einem Restaurant plötzlich im
Fernsehen anschauen.

    

Die Region ist neben dem Kaffee auch bekannt für schwarze Keramik und so machten wir uns auf die Suche nach
einer Töpferei, die diese glänzenden ebenholzfarbenen Keramiken herstellt. Fündig wurden wir auf dem Land in
einem kleinen Dorf, wo sich eine Kooperative befand, die von 10 Landarbeiterinnen gegründet wurde. Die Leiterin
der Kooperative ließ es sich nicht nehmen uns detailliert die 11 einzelnen Arbeitsschritte zu erläutern und teilweise
vorzuführen. Gebrannt werden die Einzelstücke in selbstgebauten Lehmöfen, die rotglühend befeuert werden. Je-
des fertige Stück ein Unicat und leider konnten wir in unseren Rucksäcken jeder nur ein kleines Teil als Andenken
mitnehmen.

    

Der Präsident von Nicaragua, Daniel Ortega, betont immer wieder, dass sein Land ein sicheres Reiseland sei. Und
in der Tat gab es für uns nur einmal eine Situation, die unter Umständen hätte schwierig werden können. Bei einer
Tour auf einen Aussichtspunkt, der uns einen tollen Blick über die Region ermöglichen sollte, wurden wir oben von
ein paar Nicaraguanern gewarnt vorsichtig zu sein.
Nur wenige Minuten bevor wir eintrafen, fand auf unserem Weg zu der Anhöhe ein bewaffneter Überfall von mas-
kierten Banditen statt. Man raubte den Wanderern das Geld und die Handys und verschwand wieder lautlos im Wald.
Ich gebe zu, dass ich mich ab da etwas schwer tat, mit diesem Wissen entspannt den grandiosen Blick aus 1.300 m
Höhe auf das Tal und die Stadt Jinotega, in der wir wohnten, zu geniessen. Ich war froh, als wir heil wieder unten
waren. Das war aber auch wirklich das einzige Mal, in dem wir solch eine Situation erlebt haben.

    

Über Sylvester waren wir bei der Familie unseres Freundes eingeladen und ich war erstaunt, wie viel auch in Nica-
ragua geknallt wird. Aus Sicherheitsgründen gab es Sylvesterknaller und Raketen nur an zwei Buden am äußeren
Stadtrand auf einem freien Feld. Irgendwie traute man dem Frieden wohl nicht. Man weiß ja nie was passiert, wenn
der ganze Laden aus Versehen dann doch mal in die Luft fliegt...

Die Raketen haben alle keine Zündschnur, sondern werden mit einer Hand gehalten und von unten einfach mit ei-
nem Feuerzeug gezündet. Sobald dies erfolgt ist (was durchaus ein paar Minuten dauern kann) und die Rakete
Schub aufnimmt, lässt man sie einfach los und wenn es gut geht fliegt sie auch dahin, wohin sie soll. Ein paar
Querschläger, die unkontrolliert waagerecht durch die Straße zischten, habe ich jedoch auch erlebt. Dann heißt es
nur: Ganz schnell in Deckung gehen…

Ein Junge, der mit uns gefeiert hatte, erlitt am Hals dadurch eine unangenehme Brandverletzung.

Einen Tag nach Sylvester neigte sich unsere Reise in das Kaffeeanbaugebiet dem Ende zu und wir packten erneut
unsere Rucksäcke gespannt darauf, was uns auf unserer fünften Etappe, den Besuch der alten, im Kolonialstil er-
bauten Stadt Granada, im Nordwesten des Nicaraguasees und am Fuße des 1.344 m hohen Vulkans Mombacho,
erwartet...

                                                                  hier geht's nach Granada

 

 

 
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